28) ** Gehörorgan – Funktionsprüfung

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Hörschwelle

Wenn ein Schall den Schalldruckpegel erreicht, an dem er gehört wird, so ist dies für diese Frequenz ein Punkt der Hörschwelle. Am empfindlichsten ist das menschliche Ohr zwischen 2 500 und 4 500 Hz.

Im folgenden Schema finden sie Isophone (kurven gleichen Lautstärkepegels), sowie den Hauptsprachbereich (schraffierte Fläche) und die Hörschwelle (Isophone bei ca. 4 Phon) vor:

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2. Lautstärke

Die Einheit der Lautstärke ist Phon (phone gr. Stimme, Ton, Laut). es wird damit die Lautheitsempfindung eines Tones mit best. Frequenz und best. Schalldruckpegel, im Vergleich zu einem Ton bei 1 000 Hz angegeben.

Die Hörschwelle liegt bei 1 00 Hz ca. bei 4 Phon º 4 dB SPL und 0 dB HL;

bei 250 Hz wären 4 Phon ca. 10 dB SPL (und 0 dB HL, wenn dort die Hörschwelle zu finden ist) entsprechend . Die Einheit dB HL (hearing level) wird im Audiogramm verwendt, denn es ist ja ein Abweichen von der normalen Hörschwelle interessant. Daher wird auch die normale Hörschwelle 0 gesetzt, und die Werte in db HL angegewben. Der Bezugsschalldruck ist dann derjenige, der eben an der Hörschwelle herrscht.

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3. Intesitätsunterschiedsschwelle

Durch die Skalierung der Isophone (Kurven gleicher Lautstärke – nicht gleichenSchalldruckpegels) ergibt sich die Phonskala. Die Abstände zwischen den einzelnen Isophonen entsprechen den Intensitätsunterschiedsschwellen, die je nach Frequenz, zwischen 5 und 1 dB liegen.

Über den Zuwachs an Lautheitsempfindung mit steigendem Schalldruckpegel informiert die Phonskala nicht. Dazu wurde der Begriff Lautheit mit der Einheit sone eingeführt.

Ein Ton mit 40 db SPL bei 1 000 Hz soll 1 sone haben.

Vergleichstöne, die n-mal so laut empfunden werden haben dann n-sone; scheint ein Ton 4 mal so laut zu sein wie der festgelegte Bezugston (40 dP SPL bei 1 000 Hz) so ist er 4 sone laut. Sone gibt also Auskunft über die Lautheitsempfindung bei steigendem Schalldruck an.

Der Exponent der Stevens Potenzfunktion für Lautheitsempfindung ist 0,6.

Schallpegelmesser sind übrigens mit Filtern ausgestattet, die die Bewertung der Lautstärke nach der Empfindlichket des Ohres einbeziehen, z.B. dB (A) an der Hörschwelle, weiters dB (B),…

Die Frequenzunterschiedsschwelle beträgt im Optimalbereich ca. 3 %, d.h. bei

1 000 Hz sind ~ 0,3 Hz unterscheidbar. Bei gleichzeitiger Darbietung zweier Töne müssen diese aber weiter auseinanderliegen (etwa eine Terz), um unterschieden werden zu können, da sie innerhalb einer sog. Frequenzgruppe liegen (es werden etwa 24 Frequenzgruppen unterschieden) und daher nicht aufgelöst werden können. Beim gleichzeitigen Anschlag zweier Töne nebeneinander am Klavier (Unterschied ~ 1,06 Hz) können diese wegen der Obertöne natürlich schon unterschieden werden (keine reinen Töne).

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4. Einteilung der Hörstörungen

Hörstörungen können allgemein in drei Gruppen eingeteilt werden:

1.) Schalleitstörungen: Mittelohrschäden, Entzündungen,…

2.) Schallempfindungsstörungen: Schäden am Cortischen Organ;

3.) Retrocochleäre Schäden: Schäden am zentralen Anteil.

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5. Hörprüfungen

5.1 Schallaudiometrie

Ein sehr wichtiger Test ist die Schallaudiometrie. Dem Probanden werden einohrig verschiedene Töne, beginnend mit unterschwelligem Schalldruck, dargeboten. Der Schalldruck wird dann erhöht, bis eine Hörempfindung angegeben wird (in best. Takt z.B. – wegen der Überprüfbarkeit). Man beginnt bei etwa 60 Hz und bestimmt dann für verschiedene Frequenzen (f) die Hörschwelle.

Bei der Reintonaudiometrie im Praktikum geht man dabei bis 8 000 Hz. Die Werte werden ins Audiogramm eingetragen, wobei höhere Schwellwerte nach unten abgetragen werden. Sie geben an, um wieviel dB die Hörschwelle erhöht ist. Die normale Hörschwelle wird mit 0 dB festgelegt, und ist im Audiogramm durch eine Gerade dargestellt.

Umseitig finden sie ein Schema dazu:

Man spricht bei erhöhten Werten von soundso viel Hörverlust in dB Hl (nicht in db SPL). Ein verschlossener Gehörgang z.b. ergibt etwa 20 dB Hörverlust.

Werden statt Kopfhörer Schwingkörper verwendet, und über dem Processus mastoideus aufgesetzt, so kann man zusätzlich die Knochenleitung überprüfen. Ein Vergleich von Luft- und Knochenleitung erlaubt eine Unterscheidung in Mittelohr- und Innenohrschwerhörigkeit. Da die Mittelohrschwerhörigkeit eine Schalleitstörung darstellt, wird bei Messung der Luftschalleitung, im Gegensatz zur Knochenleitung, ein Hörverlust festzustellen sein.

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5.2 Weber-Versuch

Eine angeschlagene Stimmgabel (z.B. mit 256 Hz) wird mit dem Griff auf die Mitte des Schädels aufgesetzt. Bei Innenohrschaden wird der Ton auf der gesunden Seite vernommen; bei Mittelohrschaden hingegen wird er auf die kranke Seite lateralisiert.

Bei Innenohrschaden werden die Sensoren der kranken Seite schwächer erregt, daher hört man den Ton auf der gesunden Seite lauter.

Bei Mittelohrschaden sind drei Mechanismen für die Lateralisation zur kranken Seite verantwortlich:

1.) Die Gehörknöchelchen sind in ihrer Bewegung eingeschränkt; der Schallabfluß wird dadurch reduziert. Aus dem, über Knochenleitung erregtem Innenohr geht weniger Schallenergie nach außen verloren bei erkranktem Mittelohr.

2.) bei entzündlichen Prozessen werden die Gehörknöchelchen schwerer, wodurch die Anregungsbedingungen des Innenohrs für die Konchenleitung verbessert werden.

3.) das kranke Ohr wird auf einen geringeren Geräuschpegel adaptiert, wodurch die Sensoren empfindlicher werden. Alle drei Faktoren sollen angeblich synergistisch wirken.

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5.3 Rinne-Test

Es wird Luft- und Knochenleitung am gleichen Ohr verglichen. Eine schwingende Stimmgabel wird am Proc. mastoideus aufgesetzt. Sobald der Ton für den Probanden nicht mehr hörbar ist, wird sie ihm vor das Ohr gehalten. Der Ohrgesunde hört den Ton wieder – Rinne positiv;

der Schalleitgestörte nicht – Rinne negativ.

Wird z.B. mittels Weber-Versuch festgestellt, daß rechts der Ton lauter gehört wird, so kann Innenohrschaden links oder Mittelohrschaden rechts vorliegen. Mit dem Rinne-Test ist eine weitere Differenzierung möglich. Fällt bei obigem Beispiel der Rinne-Test rechts negativ aus, so wird ein Mittelohrschaden rechts oder eine Erkrankung im äußeren Gehörgang vorliegen. Bei rechts Rinne positiv hingegen kann ein Innenohrschaden angenommen werden.

Im Alter kommt es regelmäßig zu einem Hörverlust, der als Presbyakusis bezeichnet wird. Zuerst sind meist die hohen Frequenzen betroffen. Ein 60-jähriger hat ca. mit einem Hörverlust von 40 dB bei 8 kHz und von rd. 30 dB bei 4 kHz zu rechnen. Es handelt sich dabei h.s. um cochleäre, aber auch um retrocochleäre Schäden. Meist sind für das Sprachverständnis wichtige Fequenzen betroffen. Oft ist die Ursache nicht im Alterungsprozeß, sondern im Zivilisationslärm zu suchen.

Bei Dauerbelastungen (z.B. am Arbeitsplatz) über 90 dB (A) muß mit Hörschäden gerechnet werden. Über 130 Phon kommt es zu Schmerzempfindungen und zu irreversiblem Hörverlust (TTS – temporary thresold shift), wobei die Einwirkungsdauer ausschlaggebend für das Ausmaß ist. Auch ein Schalltrauma (Schädigung des Ohres; Sinneszellen; Mikrozirkulation) kann die Folge sein.

Abgesehen von Lärmbelästigungen bei hohem Lärmpegel hat auch die psychische Einstellung gegenüber der Schallquelle einen Einfluß auf die subjektive Belästigung durch Lärm. Dabei kann es auch zu BD-Anstieg, Schlaflosigkeit usw. kommen (Nachbarschaftsprobleme).

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6. Retrocochleäre Schäden

Bei Innenohrschaden ist die Schwelle der Einzelfasern des Hörnerves erhöht und ihre Abstimmschärfe verschlechtert. Es sind viele oder alle Fasern betroffen, daher wird die Hörschwelle erhöht, und die Frequenzdiskrimination wird verschlechtert, wodurch es zu einer Erschwerung des Sprachverständnisses kommt.

Flache Tuningkurven zeigen, daß bei niedrigem Schalldruck keine Erregung stattfindet. erst ab einer bestimmten Schwelle kommt es wieder zu einer Aktivierung, wie beim gesunden Ohr, d.h. ab einem best. Schalldruck wird ein Testton wieder beidohrig gleichlaut gehört.

Zu den retrocochleären Schäden zählen auch alle anderen erkrankungen, welche entlang der Hörbahn vom 1. bis zum 5. bzw. 6. Neuron auftreten können.

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7. Sprachaudiometrie

Neben der Hörweitenprüfung gehört die Sprachaudiometrie zu den Sprachprüfungen. Es werden Zahlwörter oder Silben über Kopfhörer dargeboten (Freiburger Sprachtest).

Bei Schalleitgestörten kann bei erhöhter Lautstärke, sowie beim Ohrgesunden eine 100 %ige Verständlichkeit erreicht werden.

Bei Schallempfindungsschwerhörigkeit (cochleäre- oder retrocochleäre Schäden) ist das Sprachverständnis beinträchtigt.

Ein Diskriminationsverlust ist oft für hohe Frequenzen feststellbar. Die Tuning-kurven sind verändert.

Bei einseitigem Hörschaden gibt die Messung des sog. Recruitments Aufschluß, ob ein cochleärer – oder ein retrocochleärer Schaden vorliegt.

Wenn der Fowler Test positiv (Recruitment positiv) ausfällt, spricht dies für einen Schaden am Cortischen Organ; es tritt auch ein Lautheitsausgleich auf. Es werden dabei beide Ohren beschallt, bis eine gleiche Lautstärkeempfindung auftritt. Am kranken Ohr ist dazu ein höherer Schalldruck erforderlich. Bei Schädigung des Cortischen Organs genügt am geschädigten Ohr eine geringerer Schalldruckerhöhung, um die empfindung eines gleichen Lautstärkezuwachses auszulösen. Bei weiterer Erhöhung wird daher ein Wert erreicht, bei dem auf beiden Seiten bei gleichem Schalldruck – gleiche Lautstärke empfunden wird – Recruitment positiv (Lautheitsausgleich). Bei Mittelohrschaden oder retrocochleärem Schaden tritt kein positives Recruitment auf.

Auf weitere Tests, wie die Geräuschaudiometrie, Hörermüdungsprüfung usw. kann ich hier nicht eingehen, aber den SISI-Test (Short Increment Sensitivity In- dex) nach Jerger möchte ich noch anführen, da damit ein Ohr unabhängig vom anderen geprüft werden kann:

Während eines Dauertones mit 20 dB über der Hörschwelle (nicht mehr – siehe Intensitätsunterschiedsschwellen), wird 20 mal kurz die Intensität um 1 dB erhöht. Werden zumindest 60% der Inkrements registriert, so ist der Test positiv, was für eine sensorische Schwerhörigkeit (Cortisches Organ ist betroffen) spricht.

Bei retrocochleären Schäden und auch bei Gesunden ist mit SISI negativ zu rechnen. Die Intensitätsunterschiedsschwelle liegt normal ja zwischen 3 und 5 dB.

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8. Weitere objektive Hörprüfungen

Das AEP wurde bereits unter der Frage EEG angeführt. Die Akustisch Evozierten Potentiale lassen sich durch computergestützte Mittelungstechnik vom überlagerten, reizunabhängigen EEG trennen. Die Ableitungen erfolgen mit Oberflächenelektroden vom Schädel, bzw. mit Nadelelektroden vom Promontorium. Die negativen Gipfel der Kurve (AEP) weisen auf die Stationen der Hörbahn hin.

Schema zu objektiven Hörprüfungen:

Legende zur obigen Darstellung:

EcochG Elektrocochleographie

CM Cochlea mikrophonics

SP Summenaktionspotential des N. acusticus

CAP Compount action Potential

BERA Brainstem Electric Response Audiometry

MLRA Middle Latency Response Audiometry

CERA Cortical Electric Response Audiomnetry

FAEP Frühe Potentiale aus Hörnerv und Hirnstamm

MLR Mittlere Latenz aus Thalamus aus prim. Hörrinde

CAEP Späte corticale Potentiale

Die ERA ist ein zuverlässiges Verfahren für:

.) Hörschwellenscreening und Bestimmung bei Neugeborenen

.) Hörschwellenbestimmung bei Aggravation (lat. aggravare – schwerer machen, vergrößern) und Simulation – Begutachtung

.) Topodiagnostik von Hörstörungen

.) Hydropsnachweis bei M. Menière (Summen-AP vergrößert).

Taubheit treibt den Menschen in die Isolation.

Bei prälingualer Taubheit fehlt der auditorische Stimulus – Sprechen wird nicht erlernt. Verdacht auf connatale Schwerhörigkeit muß geschöpft werden, wenn am Ende des 1. Lebensjahres noch keine einfachen Silben oder Worte gesprochen werden; Zuwendungsreaktionen auf Schallreize müssen laut [1] bis Mitte des 2. Lj. vorhanden sein, laut W. Cancura „Prüfungsfragen aus HNO“; Springer Verlag 1988 umfaßt die Verhaltensaudiometrie aber alle Formen der Beobachtung von Verhaltensveränderungen auf akustische Reize, und sind etwa ab dem 3. Lebensmonat möglich. (Vermutlich handelt es sich bei der Angabe in [1] „Mitte des 2. Lebensjahres“ um einen Druckfehler.

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9. Zwischenfragen

  • Wozu wird eine Spachaudiometrie durchgeführt?
  • Was ist der Weber-Versuch?
  • Wozu macht man einen Rinne-Test?
  • Was versteht man unter Reintonaudiometrie?
  • Zeichnen Sie ein Audiogramm!

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