Florian Aigners Sicht zu Bhakdi auf Twitter

(Last Updated On: 24. September 2020)

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Sucharit Bhakdi ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, dass es extrem schwierig ist, Expertise richtig einzuschätzen. Wie können wir beurteilen, wer als wissenschaftliche Quelle glaubwürdig ist? Es gibt dafür keine einfache Formel.

Eine erste Frage, die man stellen sollte: Weiß die Person überhaupt, wie Wissenschaft funktioniert? Hat sie, etwa durch eigene Forschung oder sonst irgendwie bewiesen, dass sie mit Fakten sorgfältig umgeht, oder handelt es sich um jemanden aus dem Esoterik-Millieu?

Den Test besteht Bhakdi glänzend: Er hat wissenschaftliche Erfahrung, er hat wissenschaftlich publiziert. Kein Zweifel: Er ist grundsätzlich ernst zu nehmen.

Zweite Frage: Ist der Experte wirklich vom Fach? Wenn mir ein genialer Elektrotechniker etwas über Viren erzählt, mag das durchaus interessant sein – aber es ist nicht seine Expertise, und ich werde im Zweifelsfall dem Virologen eher glauben.

Auch hier besteht Bhakdi mit Auszeichnung: Er ist Mikrobiologe und Infektionsepidemiologe. Wer soll über COVID reden, wenn nicht er? Und trotz seiner hervorragenden Qualifikation ist Bhakdi irgendwo falsch abgebogen, gab Interviews bei Verschwörungsschwurblern und schrieb

ein Buch mit dem Titel „Corona Fehlalarm?“. Fachkollegen haben ihn dafür heftig kritisiert und ihm Ungenauigkeiten und Übertreibungen vorgeworfen. Bhakdi spricht durchaus berechtigte politische Fragen an und bläst sie dann auf,

um am Ende das Vertrauen in die öffentliche Corona-Information insgesamt zu erschüttern. So ebnet er den Weg für Hardcore-Verschwörungsschwurbel.
Wir müssen daher immer auch noch eine 3. Frage stellen: Widerspricht die Person dem wissenschaftlichen Konsens seiner Fachdisziplin?

Konsens ist nämlich immer stärker als Einzelmeinungen. Wissenschaft ist nicht die Meinung des Klügsten, sondern ein Geflecht an Fakten, die einander gegenseitig stützen. Natürlich kann es sein, dass die Mehrheitsmeinung in der wissenschaftlichen Community korrigiert werden muss –
dann ist es richtig, sich als Einzelner gegen die Mehrheitsmeinung zu stellen. Aber das sollte man nur, wenn man verdammt gute Argumente hat. Hat Bhakdi die? Nein. Er sät Zweifel über Dinge, die außer Zweifel stehen. Er wirft Fragen auf, die längst beantwortet sind.

Drosten z.B. macht das nie: Er hat seine eigenen Sichtweisen, legt aber immer großen Wert darauf, die wissenschaftliche Literatur seines Fachs zu kennen und ernst zu nehmen. Er stellt sich nicht über den Konsens seiner Kollegen.

Genau das ist ein wesentlicher Kern der Wissenschaft: Einsehen, dass die eigene Meinung zwar wertvoll ist, dass es aber noch etwas Größeres gibt – ein Faktennetz, an dem unzählige Leute mitgearbeitet haben, das vertrauenswürdiger ist als die eigene Meinung.

Und das ist leider bei Bhakdi anders. Er ist zweifellos ein kluger Mann. Aber genau deswegen hätte er eine moralische Verantwortung, Verschwörungsschwurbel nicht zu fördern sondern ihm entgegenwirken. So wie er das bisher macht, wird das leider nichts.

Wen solche Themen interessieren: Tiefer gehe ich auf solche Dinge in meinem neuen Buch ein – „Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl“, ab 28.09 im Buchhandel.

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