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Vier extreme Orientierungslauf-Tage meiner Jugend; Tag 2: Hochstaufen

Normalerweise spreche ich über unsere Regierung, wenn ich mich frage, ob eine Dummheit noch zu übertreffen sei, aber heute spreche ich von mir selbst. Manche Dummheiten, die ich in meiner Jugend beging, lassen mich heute noch erschaudern. Hier, beschreibe ich eine.

Ein anderer Jungmann erfuhr von unserem „Untersberg-Abenteuer“ und fragte mich ganz begeistert, ob er mit mir trainieren dürfte. Kein Problem, war meine Antwort und die Bedingung war wieder, dass jeder für sich alleine weiter lief, wenn einer schlapp machen sollte.
Am ersten Tag ging es zum Wallersee, herum und zurück. Mein Partner hielt sich hervorragend und wir plauderten unterwegs sogar ein wenig und stimmten unser Tempo aufeinander ab. Für nächsten Tag hatte ich den Hochstaufen geplant und sagte ihm, er solle seinen Reisepass mitnehmen. Sonst hatte ich wie immer nichts dabei, außer zwei Zigaretten und Zünder. Wir liefen entlang der Autobahn, was der Grenzpolizei schon einmal gar nicht gefiel. Wir wurden angehalten, überprüft, für verrückt gehalten und auf eine gewisse Distanz von der Autobahn verwiesen. Aber man lies uns weiter laufen, über die Grenze nach Deutschland in Richtung Bad Reichenhall. Man sah den Hochstaufen von weit entfernt, weshalb er mir als Trainingsberg aufgefallen war. Es ging alles gut, bis wir zum Berg kamen, denn wir liefen wild durch die Gegend und kamen plötzlich zu einer Rinne die in einen Fels führte. Sie wurde immer felsiger und steiler. Aus dem Laufen wurde klettern und die Hacken und eingeschlagenen Sicherungsteile stimmten mich schon etwas nachdenklich. Aber was sollte uns unterhalb der Baumgrenze schon aufhalten können und wir waren ja an keinen Weg gebunden. Leider gab es nun auch keinen anderen mehr, als die Felsrinne hinauf. Mein Kollege trat immer wieder lockeres Gestein weg und ich bekam sogar einen kleinen Stein auf den Kopf. Ich musste aus dieser Rinne irgendwie heraus kommen und wagte den seitlichen Ausstieg. Ich kannte die Gegend überhaupt nicht und hatte keine Ahnung, was hinter der Kante war. Als ich sie erreichte stockte mir der Atem und ich bekam eine Panik-Attacke. Da ging es hunderte Meter senkrecht hinunter und ich konnte nicht mehr dorthin zurück, woher ich gekommen war, denn ich schaffte es kaum aus der Rinne heraus. Die Kante nach oben war senkrecht und etwas weiter oben sogar überhängend. Das war also absolut keine Option. Die Wand nach oben war meine einzige Chance, aber die war nahezu senkrecht und es waren mindestens 20 Meter mit wenig Halt. Die beste Möglichkeit führte mich zu einem Vorsprung in der Wand, den ich Umarmen konnte. Dort hing ich nun und weinte. Mein Kollege hat mich schon der Rinne nicht mehr gehört und ich konnte nicht damit rechnen, dass er mir helfen konnte. Selbst wenn er Hilfe holen hätte können, wäre es mir unmöglich gewesen, mich solange hier zu halten. Meine Kräfte schwanden zunehmend, meine Finger waren steif und bluteten, weil ich mich im Fels festkrallte. Ich war noch nie geklettert und ich hatte es auch keineswegs vor gehabt. Mir wurde schnell klar, dass ich mich entweder fallen lassen konnte, oder die letzten Meter versuchen musste. Das Zittern meiner Muskeln konnte ich längst nicht mehr kontrollieren. Starke Schmerzen und kaum noch Kraft schaffte ich die letzen Meter in Todesangst. Als ich mich nach etwa einer halben Stunde Todesangst und extremer Anstrengung über den Kamm zog und vor mir eine mäßig ansteigende Geröllhalde sah, bekam ich einen heftigen Weinkrampf. Erst nach einigen Minuten habe ich mich einigermaßen erholt und suchte mit lauten Rufen meinen Begleiter. Ich fand einen fast gemütlichen Weg ohne Felsen durch den Wald hinunter und traf unterwegs auch meinen Begleiter, der mehr Glück hatte, denn die Felsrinne, in die wir völlig unbedacht eingestiegen waren, führte ebenfalls zu der Geröllhalde, war aber relativ problemlos zu erklimmen.
Ich erzählte ihm gar nichts von meinem Erlebnis, denn ich stand unter Schock. Trotzdem liefen wir den Weg schweigend nebeneinander zurück nach Siezenheim. Wir hielten uns diesmal auch von der Autobahn fern und wurden nicht von Grenzpolizisten kontrolliert.
Dieses Erlebnis war mein größter Albtraum, aber seither ist es mir nie mehr passiert, dass ich mich auf einen Weg einließ, den ich nicht kannte und wo es kein zurück mehr gab. Wenn es unvorbereitet gefährlich wird, drehe ich sofort um. In meiner verrückten Jugend hatte ich diese Möglichkeit nicht einmal in Betracht gezogen. Gut, als ich merkte, dass es in der Felsrinne wegen Steinschlag gefährlich wurde, wäre umkehren zwar auch nicht sicher gewesen, aber trotzdem die wesentlich bessere Option.

Mit „Tag 3 und 4: Wettkampf“ werde ich diese kleine Episode aus meinem Leben demnächst abschließen.


Bildquelle: „Purekkari neemel“ by Abrget47j – Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Purekkari_neemel.jpg#/media/File:Purekkari_neemel.jpg

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Todesangst

Ich kenne sie, aber ich verstehe sie nicht. Weshalb kann man vor einem Zustand Angst haben, den man erstens nicht kennen kann und in dem man zweitens, vermutlich keine Schmerzen, Sorgen, usw. empfinden kann? Todesangst ist Unsinn.
Lebensangst ist mir leichter verständlich, denn Leben erfordert einen hohen Aufwand an Energie, um den physikalischen Gesetzen gerecht werden zu können. Denke an Ordnung,Chaos, chemische Reaktionen und Gleichgewichte, bzw. Fließgleichgewichte offener Systeme, wie Lebewesen. Weshalb fürchte ich also den Tod? Nur weil ich das Leben liebe? Es gäbe kein Leben ohne Tod, so wie es kein unten ohne oben und kein Yin ohne Yang geben kann.

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