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Reflexion 2 zu Taijiquan

Ich bin inzwischen zu der sehr banalen Erkenntnis gekommen, dass die Essenz aller Ziele in der täglichen Übung liegt. Es war für mich nicht zielführend, mich theoretisch mit dem Thema zu beschäftigen und ein bis zwei mal pro Woche von einem Lehrer Wunder zu erwarten. Obwohl ich einen hervorragenden Lehrer und Meister habe, kann er mir trotzdem nur vermitteln worum es geht und wie man es erreichen kann, aber ausführen muss ich es selbst. Lebensenergie (man könnte auch von Chi sprechen) kann man weder kaufen und auch nicht geschenkt bekommen. Nur selbst kann man sie mit täglichem Üben spüren und fördern. Erfreulicher Weise habe ich eine gute Anleitung dazu, aber die triviale Erfahrung ist eben die, dass die tägliche Übung die Essenz darstellt und das ist für mich das Schwierigste an Taijiquan und Qigong, obwohl es theoretisch ganz einfach ist.
Bei den Übungen selbst verhält es sich ähnlich. Eine komplizierte Figur bringt mir nicht viel. Vielleicht könnte ich damit jemand beeindrucken, wenn sie nur genug spektakulär aussieht, aber das würde mir wohl kaum genügen, bzw. wäre es sogar kontraproduktiv.
Die einfachsten Figuren und noch viel mehr die einfachsten Grundübungen zeigen aber eine hervorragende Wirkung, wenn ich mich an die taoistische 70%-Regel halte. Das könnte ich als zweite wichtige, wenn auch triviale Erfahrung nennen. Halte ich mich nicht an diese Regel, kommt es durch meine Neigung zu übertreiben und alles sofort können zu wollen, zu einem schlechten Ergebnis mit Rückschritten, Muskelkater, die Freude geht verloren und ich kann mich nicht mehr zum täglichen Üben aufraffen. Daher verausgabe ich mich nicht mehr, erbringe nur 70% der möglichen Leistung und freue mich schon auf den nächsten Tag, an dem ich dann das üben werde, was ich eigentlich am liebsten gleich jetzt noch machen wollte – mañana!
Meine ersten Ziele und Erwartungen habe ich nicht verworfen, sondern geduldig in der untersten Schublade verstaut, wenn mein Seidenfaden einmal zu einem Seidenstrick anwachsen sollte, werde ich sie wieder hervorkramen.

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