Taijiquan Import aus China und Taiji-Tourismus

(Last Updated On: 17. Juli 2013)

Der Shaolinkult hat ja einen Kungfu-Import aus China und einen wahren Boom in der Tourismusbranche ausgelöst. Versucht man jetzt eine Neuauflage mit Taijiquan? Immer wenn ich auf der Suche nach authentischen TCC-Quellen und/oder guten Übersetzungen bin, stoße ich auf die „Generationen der Chen Familie und des Chen Stil Taijiquan“ und es kommt mir so vor, als würde man in China das Chendorf als neue Taijimetropole aufbauen. Wenn heute allerdings jemand behauptet, dass er als erster aus dem Chendorf TCC in die Welt und damit auch zu uns bringt, dann kostet mich das nur einen Lacher. Denn während der Kulturrevolution war TCC in China verboten und ich kenne Leute, die zwichen 1966 und 1980 im Chendorf waren und dort keinen einzigen Meister oder Lehrer vorgefunden haben. TCC ist höchstens in Hinterhöfen versteckt praktiziert worden.

Aber schon 1964 unterrichtete Zhèng Mànqīng in New York Taijiquan und obwohl von der Yang Familie seine 37er Kurzform nicht als offizieller Familien-Yang-Stil anerkannt wurde, schuf er seine 37er Kurzform, wie sie im Chen Stil erst Chen Xiao Wang viel, viel später mit der 38er und 19er schuf.

Chen Zhaokui (18. Generation, 1928 -81) lernte TCC von seinem Vater Chen Fake und war ein Hauptvertretern des Xinja-Stils. Als in China die sogenannte Kultur-Revolution begann, durfte Taijiquan nicht unterrichtet werden und viele Kampfkunstmeister wurden sogar verfolgt oder hatten unter dem politischen Druck stark zu leiden. Darunter auch Chen Zhaokui, der lange Zeit als Wachmann arbeitete und nur im Geheimen unterrichtete. Als Taijiquan ab 1974 wieder ausgeübt werden durfte, lehrte er viele Schüler, darunter auch Chen Xiao Wang. Er unterrichtete hauptsächlich die zwei Formen, die er von Fake übernommen hatte. Im Unterschied zu seinem Vater, der sehr große und weite Bewegungen lehrte, unterrichtete Zhaokui in erster Linie enge kleinere Techniken und war besonders für seine guten Qinna-Techniken gekannt. Auf die Bitte von Wang Xian ging er 1973 angeblich nach Chenjiagou und verbreitete auch dort die Xinjia. Schüler von Zhaokui waren: Chen Xiao Wang, Chen Zheng Lei, Wang Xian und Zhu Tian Cai und weiters auch Ling Zhian, Cheng Jin Zhai, Ma Hong und Wu Xiou Bou.

Dazu ein wörtliches Zitat aus „Die vielschichtige Lehre von Chen Zhaokui“ von Nabil Ranné (2010):

Nach dem Tod Chen Zhaopis 1972 wurde Chen Zhaokui nach Chenjiagou eingeladen, um dort die heranwachsende Generation zu unterrichten, und die Dorfbewohner nannten seinen Stil „Xinjia“, den „Neuen Rahmen“. Doch Chen Zhaokui mochte diese Bezeichnung gar nicht. Er sagte 1979 in Shijiazhuang (Hauptstadt der Provinz Hebei, Anm. d. A.): „Dieser Ausdruck ist falsch. Mein fünfter Bruder Chen Zhaopi hat zu seiner Zeit ebenfalls von meinem Vater [Chen Fake] Boxen gelernt. Das sind alles Boxformen, die bereits Chen Changxing unterrichtet hat“ (nach Ma Hong, o.J.). Denn für Chen Zhaokui war nicht der äußere Rahmen, sondern das Ausfüllen der Kampftechnik durch innere Arbeit entscheidendes Element: „Wenn man kein Gongfu hat, dann ist auch jegliche Technik leer, und wenn das Gongfu nicht herauskommt, dann bleibt auch jegliche Technik nutzlos. Das Wichtigste ist es, Gongfu zu entwickeln und es herauszubringen.“

Nun, wie dem auch sei, mir kommt vor, als würde TCC immer mehr zu einer Mode, mit der sich ein gutes Geschäft machen lässt. Bei Geld hört der kommunistische Gedanke natürlich auf und wenn es ein gutes Geschäft ist, bauen sie uns eben im Chendorf einen Shaolintempel hin. Dadurch leidet aber sicher die Qualität von TCC und der ursprüngliche Grundgedanke wird verloren gehen. Vom Taoismus und Buddhismus will heute keiner etwas wissen, aber ohne Laozi gibt es für mich kein Taijiquan und ohne Chi kein Leben, auch wenn sich nichts damit verdienen lassen sollte und kein neuer Hype daraus gemacht werden kann.

Quellen:
Zheng Manqing Wikipedia
Bedeutende Meister und deren Werke
Die Erben
Die vielschichtige Lehre von Chen Zhaokui
„Es gibt keine Abkürzungen…“ (Auszug)

(717)


History

3 Gedanken zu „Taijiquan Import aus China und Taiji-Tourismus“

  1. Tja, gut zusammengefasst.
    Zuerst war es Shaolin, dann kam das Chen-Dorf, das 1982 noch ein richtiges, bitte um Verzeihung, „Drecksloch“ war, während heute 5 (?) große Schulen da stehen, die ihresgleichen suchen. Inzwischen war aber auch Olympia, und obwohl die Porpagierung der chin. KK einschl. TJQ nicht weit gekommen war, hatte ich aus gut informierten Kreisen schon nach Abschluss der Planungen für Beijing gehört, dass das nächste Projekt Wudang wäre. Da war Jahrzehnte lang auch nichts, aber absolut nichts kk-mäßiges zu finden, und heute drängen sich die ach-so traditionellen Schulen, gar mit ausländischen Inhalten und von Weißen geleitet.
    Aber wie sagte Deng Xiaoping so schön: Reichtum mach schön (oder so ähnlich!)

    1. Danke für die Bestätigung Hermann. Ich weiß es ja nur vom Hören und Sagen, im Gegensatz zu dir.
      Jetzt habe ich nach einem Artikel von mir „Der Taoist von Huashan“ gesucht, weil ich mir sicher war, dass ich diesen vor einiger Zeit schrieb und bemerkt dabei, dass sich der Alzheimer bei mir anscheinend schon langsam anschleicht.
      Ist Wundang nicht ohnehin schon eine Touristen-Metropole, aber die übrigen „heiligen Berge“ könnte man ev. noch besser vermarkten. Denke da an Abenteuerreisen mit spirituellen, Meditationsübernachtungen in High-Tech-Höhlen, die auch gleich als ausgelagertes Studio für Hollywood verwendet werden könnten, denn mit den immer beliebter werdenden modernen „Eastern“ (Jackie Chan, Jet Li, ….) könnten sie vielleicht auch noch ein paar Dollar bzw. Yuán herausholen. LOL

      Servus aus Wien – der Frühling ist jetzt wirklich da, der macht auch schön – ich und die Pflanzen blühen jedenfalls wieder auf 😉

      PS: Hoffe dein Arm juckt nicht zu arg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.