Was ist Chi bzw. Qi ?

Vorbemerkung
Fragt man sich was „Chi“ im Wort Taijiquan (太极拳, Tai Chi Chuan) bedeutet, so findet man als einfachen Antwort, dass 极 [極] jí – äußerster Punkt usw. bedeutet. Dummerweise, (痴 [痴] chī – ach, mit „blödsinnig“ haben wir bereits wieder ein chi, gibt es aber recht viel(e) chi in der chinesischen Sprache. Von der Gattin ( 妻 [妻] qī) über gleichzeitig (齐 [齊] qí) lassen sich ohne zu betrügen ( 欺 [欺] qī) leicht mehr als sieben ( 七 [七] qī ) finden. Daher soll angemerkt sein, dass ich hier wohl oder über das leidige Thema „气 [氣] qì“ also Atem, innere Kraft, Lebenskraft, Lebensgeist, Luft, Vitalität und im weiteren Sinne auch „汽 [汽] qì“, also Dampf bzw. Wasserdampf wieder einmal aufgreife.
Leidiges Thema deshalb, weil ich zu „Chi“ schon so viel Blödsinn gelesen habe, wie noch selten zu einem Thema. Auf manchen esoterischen Foren hat sich mir die Frage aufgedrängt, ob diese Leute wirklich nur Chi (hier Chi im Sinne von Luft) im Kopf haben. Mir ist eine Diskussion über Seele genau so zuwider, wie über Gott. Ich halte das alles für nette Sagen und Märchen, interessante Kulturen und spannende Rituale, aber ernsthafig hat eine Frage nach Gott oder Seele für mich absolut keinen Wert, da es sich meiner Meinung nach nur um eine falsche Fragenstellung handelt. Für mich Atheisten, dem der Taoismus und Buddhismus besonders gut gefällt, der sich aber auch für Zarathustra, alte griechische, römische, ägyptische und u.a. indianische Kulturen und Religionen erwärmen kann ist die Frage nach Gott und Seele ein dummes rethorisches Wortspiel, also einfach eine falsche Fragestellung. Natürlich glaube ich auch etwas. Ich glaube an den Menschen (das ist verdammt schwierig), an Tiere, Pflanzen, an das Weltall und an das Licht, an Physik und Chemie usw. (leider kann ich nur daran glauben, da mir entsprechende Kenntnisse fehlen) und vor allem an das Leben. An das Leben und somit auch an einen Unterschied zwischen einem toten und einen lebenden Menschen (wie der Tod nun auch immer diagnostiziert werden mag). Diesen Unterschied vermag meines Wissens nach, keine auch noch so große und elitäre, interdisziplinäre Gruppe an Wissenschaftlern genau zu definieren. Es sind einfach viel zu viele Faktoren zu berücksichtigen und es gibt noch viel zu viele offene Fragen, von denen allerdings mit Fleiß und Ausdauer bei wissenschaftlichem Vorgehen bestimmt noch viele geklärt werden können – in den nächsten Jahrxxxden/ten.
Kundalini, heiliger Geist hin – Wissenschaften her, Tai-Chi ohne Chi ist westlicher Tai-Blödsinn, daher interessieren mich nicht nur Die Wege und Speicherorte des Qi, sondern das gesamte Chi-Konzept in „inneren Kampfkünsten“, Qigong, Philosophie, Religion und TCM.

Was ist nun Chi für mich?
Es gibt viele Interpretationsmöglichkeiten und Aspekte, die in diesem Zusammenhang interessant wären. Was ist Energie? Was ist Lebensenergie? Was bedeutet den Atem des Lebens aushauchen?
Was meint Prana, Pneuma, Lebensgeist? Ich versuche daher hier nicht näher auf die Frage einzugehen was Chi ist, sondern ich gebe einfach ein paar triviale Vergleiche aus der Welt die uns vertraut ist. Was passiert, wenn ich mir vorstelle in den Arm, die Hand und in die Fingern einzuatmen. O2 wird über die Atemluft in die Lunge gebracht und bei richtiger Bauchatmung, werden dabei gleichzeitig die inneren Organe massiert. Der Sauerstoff (Energie) diffundiert ins Blut und wird an Hämmoglobin gebunden und so bis in die Fingern transportiert. Genauere Ausführungen zur O2-Anlagerung und O2-Transport im Blut, wie zur O2-Bindungskurve und O2-Sättigung findet man in jedem Physiologie Buch. Lipidlösliche Substanzen wie Alkohol, oder auch O2 und CO2 können frei durch die gesamte Membran diffundieren, also nicht nur durch wassergefüllte Poren, daher sind auch die Transportraten viel größer als für wasserlösliche Substanzen. Die Gesamtaustauschfläche an den Membranen der Capillaren ist ca. 1 000 m² groß. Die Filtration und der effektive Reabsorptionsdruck unter verschiedenen Bedingungen lasse ich hier ebenfalls einfach weg und somit bin ich schon bei Oxidation, Reduktion, Glucose, Lactat, der Milchsäuregärung und Adenosintri-(bzw. di- und mono-)phosphat, den Energieträgern für die Muskelkontraktion. Energie kann aber auch als elektrischer Impuls mit bis zu 100 m/s über Nerven übertragen werden. Mit jedem einfachen Messgerät kann die elektrische Aktivität (EEG, EKG) gemessen werden und über die Wechselwirkungen von elektromagnetischen Schwingungen (Wellen, Felder) mit so komplexen biologischen Strukturen, wie dem Nervensystem, wissen die modernsten westlichen Wissenschaften auch heute nahezu nichts. 700 v. Chr. hatte man in Indien sicher keine Kenntnisse davon und trotzdem schuf man sich recht eindrucksvolle Systeme, die unter anderem in vielen Büchern über Yoga und dem zugrunde liegenden Energiesystem beschrieben werden. Ob das aus der Zeit 400 v. Chr. stammende Dàodéjīng nun von Lǎozǐ geschrieben wurde oder nicht, jedenfalls wurde auch in China schon zu dieser Zeit der Grundstein eines sehr komplexes System geschaffen, zu dem Religion, Wissenschaften, besonders auch die Philosophie und Kunst beitrugen. Es ist wohl klar, dass ich hier nicht näher auf den Daoismus, Konfuzianismus, Buddhismus, auf Qigong und die Traditionelle Chinesische Medizin eingehen kann, weshalb ich einfach aus der Wikipedia dazu zitiere:
„Der chinesische Begriff Qì (chinesisch 氣 / 气 qì, IPA (hochchinesisch) [ˈtʃiː], W.-G. Ch’i), auch als Ch’i, in Japan als Ki (jap. 気) und in Korea als Gi bekannt, bedeutet Energie, Atem oder Fluidum, kann aber wörtlich übersetzt auch Luft, Dampf, Hauch, Äther sowie Temperament, Kraft oder Atmosphäre bedeuten. Außerdem bezeichnet Qi die Emotionen des Menschen und steht nach moderner daoistischer Auffassung auch für die Tätigkeit des neurohormonalen Systems.
Qi ist ein zentraler Begriff des Daoismus. Der Begriff findet sich bereits im 42. Kapitel des Tao Te King; der daoistische Philosoph Zhuangzi beschrieb den Kosmos als aus Qi bestehend. Darüber hinaus ist die Vorstellung vom Qi die ideelle Grundlage der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) und der sogenannten inneren Kampfkünste.“
Man könnte natürlich auch ganz naiv und einfach sagen, Chi macht den Unterschied zwischen einem lebenden und toten Menschen aus, allerdings sprächen wir dann nur von einer bestimmten Art von Chi, was für unseren Zweck hier aber keine große Rolle spielt, da ich aus bereits angeführten Gründen hier nicht näher auf dieses Thema eingehen möchte.

Meine Chi-Erfahrung
Meine subjektive Chi-Erfahrung ist alles andere als sensationell und ich habe sie, seit mir bewusst ist, dass ich lebe und atme. Natürlich nannte ich sie früher anders, da ich das Wort Chi ja nicht kannte. Besondere Erfahrungen eröffneten sich mir durch Meditation, Autogenes Training, Qigong, Taijiquan und noch einmal Meditation. Eigentlich nur durch Meditation, denn sonst würde mir kein besonderer Aspekt meiner Lebensenergie gewahr werden. In mich hinein- sehen, -fühlen, -hören muss ich natürlich schon, will ich wissen was in mir ist und wer ich bin.
Zum Schluss erwähne ich noch einen Spruch von mir, den ich seit Jahrzehnten immer wieder vom mir gebe, um zu verdeutlichen, dass auch die westliche Wissenschaft ihre Grenzen hat:
Willst du wirklich wissen wer du bist, frage deine Tc-Lymphocyten. Falls sie dir antworten, vergiss nicht, mir darüber zu berichten. H. H. 😉

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5 Gedanken zu „Was ist Chi bzw. Qi ?“

  1. Zu Zeichen mit gleicher Lautung rechnet man eigentlich nur solche mit gleichem Ton, für Qi4 sind das in einem kleinen Wörterbuch für Langzeichen immerhin schon 16, wenn’s eine Enzyklopädie ist, wie das 中文大辭典, wird diese Zahl sicher noch weit überschritten, lässt sich aber wegen der Radikalanordnung nicht so einfach feststellen.
    Hatte ich schon mal , Haug-Verlag, empfohlen?

      1. Danke Hermann, ich wollte mit den paar Wörtern, die ich ungeachtet des Tones anführte, nur anregen, dass man sich bei diversen Diskussionen wenigstens einmal auf „气 [氣]“ einschränkt. Die Nennung der Transkription wäre auch meist wünschenswert, wenn man schon immer wieder zwischen Pinyin und Wade-Giles hin und her wechselt. Einmal Chi und dann wieder Qi in deutscher Literatur finde ich genau so lästig und unnötig, wie Daoismus und Taoismus.
        Mafred Kubny habe ich schon einige male ins Auge gefasst, aber € 345.- für ein Buch ist doch recht viel. Nicht einmal meine Medizin-Bücher waren so teuer, weshalb ich schon ein paar mal das I-Ging befragte und mich jetzt doch nur benachrichtigen lasse, falls es auf ebay erhältlich wird. 😉
        Servus

        Das gute Bücher ihren Preis haben ist mir schon klar, „Die Rezeption des Zhouyi in der chinesischen Philosophie, von den Anfängen bis zur Song-Dynastie“ kostet auf Amazon ja auch stolze € 99,50. EDV-Bücher sind wesentlich billiger.

        1. Wade-Giles: Ch’i , T’ai-chi ch’üan
          Pinyin: Qi, Taijiquan

          Helmut, solche Bücher kaufe ich gewöhnlich auch nicht, manchmal gibt es ein Belegexemplar, vom eigenen Werk sowies, lol. Aber irgendeinen Sinn müssen öffentliche Bibliotheken ja noch haben, oder?

          1. Danke Hermann, eine gute Idee. Seit es das Internet gibt, war ich in keiner Bibliothek mehr. Ich hatte tatsächlich vergessen, dass solche Einrichtungen existieren. 😉

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