Ich kann es einfach nicht verstehen

(Last Updated On: 28. September 2011)

Es gibt vieles, dass ich nicht begreifen und verstehen kann und noch viel mehr, was ich nicht kann und nicht weiß, aber wissen und können könnte. Manche Handlungsweisen von Menschen sind mir aber so unverständlich, dass es mich ängstigt.
Gestern nachmittags fuhr ich mit der U2 vom Taijiquan-Training nach Hause. In den Öffis erlebt man oft ungewöhnliche Ereignisse und seltsames Verhalten. Besoffene und geistig beschränkte, asoziale Egoisten fallen mir nicht mehr als besonders auf. Also wenn so eine Tussi die Haxen auf dem Sitz in der vollen U-Bahn hat, ist das schon normal für mich und ich kann es verstehen. Sie hat keine andere Möglichkeit Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und Zuwendung zu bekommen, sie ist einfach bedauernswert, aber normal und wenn ich an meine Jugend zurück denke, wäre das eines meiner geringsten Dummheiten gewesen, hätte ich die schmutzigen, beschuhten Füße auf einen Sitzplatz gelegt. Ich war wesentlich dümmer, allerdings vielleicht nicht so asozial, was aber einer genaueren Erörterung bedürfte.
Zurück zum gestrigen Erlebnis: Schräg gegenüber von mir, saß eine deutschsprachige (Wienerisch) weiße Mutter mit einem etwa 10 jährigen dunklen Sohn neben sich und einem kleinen Mädchen – ca. 1 Jahr alt – auf ihrem Schoß. Das kleine Mädchen hatte gekräuselte Haare und ebenfalls eine dunklere Hautfarbe. Etwa so dunkel, wie wenn sich eine reinrassige Wiener-Tussi nur durchschnittlich oft ins Solarium legt und keinen besonderen Ausgehaufrissanlass hat. Ich habe einen guten Draht zu Kleinkindern, weil sie so unglaublich offen, unvoreingenommen, ehrlich und direkt sind. Ich bin sehr kinderliebend und bei Kindern ist meine Geduld unbegrenzt. Ein Kind kann mich unmöglich auf die Palme (in 53 Jahren auch bei den eigenen Kindern noch nie geschehen) oder in schlechte, gereizte Laune bringen, sondern ich finde immer Kontakt, bekomme immer Freude geschenkt und handle instinktiv immer richtig, im Umgang mit Kindern. Obwohl ich ein Mann bin, habe ich offensichtlich einen ausgeprägten Mutterinstinkt, der mich noch nie ge- oder enttäuscht hat.
Eine älter Dame nahm auf dem Viersitzer, gegenüber der Mutter platz und sorgte sich um den Jungen, weil er unruhig auf den Sitzplatz herum turnte. Sie unterhielt sich auch mit der Mutter und ich dachte mir: „die alte Dame hat bestimmt selbst auch Kinder“.
Dann kam ein junger Mann, etwa 20 Jahre alt, den Korridor in der Mitte zwischen den 4er-Sitzgruppen daher. Er hatte kurze Haare, war etwas stärker gebaut, um nicht adipös oder fettleibig zu sagen und er trug ein gelbes T-Shirt. Ein absolut unauffälliger, angepasster Durchschnittsjugendlicher, der im Vorbeigehen laut sagte: „Scheiß Negerkinder, der muss natürlich sitzen“! Ich konnte es einfach nicht fassen und ich kann es unmöglich, auch nicht irgenwie nur ansatzweise verstehen. Deshalb muss ich diesen Artikel schreiben. Es geht einfach nicht in mein Hirn, was in so einem Menschen vorgeht. Ich kapiere es nicht! Wäre er ein Zurückgebliebener, ein ewig Gestriger, ein Hitler geschädigter, müsste der doch wenigstens über 70 sein, oder?
Was veranlasst einen jungen Menschen, dem es offensichtlich gut geht, der genügend zu essen hat und auch sonst ganz normal aussieht zu einem derartigen Wahnsinn?
Mir ekelt nicht besonders vor festen Ausscheidungen der Säugetiere, aber mir ekelt vor mir selbst, wenn ich zu der selben Art gehören muss, wie dieses völlig normal aussehende Ungeheuer. Ich bezeichne ihn nicht als Rassisten, sondern ich wünsche ihm, dass er begreift, was Leben und Mensch sein bedeutet, denn dann schaffte er sich ohnehin, so schnell wie nur möglich, selbst aus dieser Welt.

Ich glaube, Leben und Tiere (Biologie, Chemie, Physik und Physiologie) ganz gut zu verstehen und verstehe viele Philosophien, Kulturen und Religionen, meines Wissens und meiner Erfahrung nach, auch ganz gut. Mit Technik, Computer und Programmiersprachen komme ich nicht nur klar, sondern es ist eine, meiner Jahrzehnte lang gepflegten Leidenschaften, aber komplett motivationslose, irrationale, menschenfeindliche Handlungen, wie oben beschrieben, verstehe ich eifach nicht. Worum geht es da? Wozu soll das gut sein? Was ist, bedeutet, oder soll das? Das war ja auch kein Amoklauf, den verstünde ich zwar auch nicht, aber da hätte ich wenigstens eine Art Überforderugnstheorie, wie bei Lemmingen auf Lebensraumsuche bereit, sondern es war ganz normaler und von allen Menschen in der U-Bahn (inklusive mir – was hätte ich auch machen können) akzeptierter Alltag! Nein, ich verstehe es einfach nicht und bitte um eine Erklärung, falls jemand eine hat. Ansätze würde mir schon reichen, denn ich bin komplett blank und ahnungslos in dieser Angelegenheit.

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7 Gedanken zu „Ich kann es einfach nicht verstehen“

  1. Da ich selbst seit vielen Jahren im chinesischen Ausland lebe, kenne ich Rassismus auch aus anderer Richtung, die Chinesen lieben ja die Weißen und mögen die Schwarzen nicht besonders. Hier in Taiwan sind die Amis das Nonplusultra (wo es auch viele Farbige gibt, also etwas besser akzeptiert), ganz unten stehen hier daher die südost-asiatischen Gastarbeiter, philippinische Pflegerinnen oder Haushaltshilfen, thailändische Bauarbeiter oder vietnamesische, eingeheiratete Frauen samt ihren Mischlingskindern.
    Es sind immer die gleichen Mechanismen, die da ablaufen; das Unverständnis des Fremden, die bedrohliche Angst, die eigene Hilflosigkeit.
    Ich empfehle daher allen meinen StudentInnen, wenigsten einmal im Leben für 6 Monate im Ausland zu leben. Jeder sollte irgendwann mal Ausländer sein. Das rückt die eigene Perspektive doch gewaltig zurecht.

    1. Danke Hermann, in dieser wichtigen Fragen des Zusammenlebens ist das wohl der beste Rat, den ich mir vorstellen kann. Obwohl ich selbst im „Ausland“ (besonders in Bayern) immer sehr freundlich behandelt wurde, kenne ich trotzdem die Skepsis, die man mir als Fremder in arabischen Ländern entgegen brachte. Ich würde mich heute jedenfalls vorher gut vorbereiten, die Sprache lernen und mich über die Kultur eingehend informieren, bevor ich in ein fremdes Land gehen würde. Ich müsst dieses Land jedenfalls mögen, sonst würde ich nicht hin gehen und das erwarte ich eigentlich auch von Leuten, die aus anderen Ländern nach Österreich kommen.
      Bereits eingebürgerte Menschen (Kinder), mit einer Mutter, die Wiener Dialekt spricht auf Grund ihrer Hautfarbe zu beschimpfen und diskriminieren ist jedoch eine andere Angelegenhet, die mit „Ausländerfeindlichkeit“ gar nicht mehr viel zu tun hat. Es ist eher eine Menschenfeindlichkeit, die dieser seltsame junge Mensch wahrscheinlich auch seinen Geschwistern und der eigenen Famile entgegen bringt. Ich denke, er ist in erster Linie mit sich selbst auf Kriegspfad, aber noch zu schwach, um sich selbst zu stellen, weshalb er auf alle anderen los geht und sich an jedem etwas findet, dass ihm zeigt, dass er selbst einfach nicht dazu gehört.
      Dank für den nützlichen Kommentar, jetzt muss ich mich aber weiter um meine Hochzeitsvorbereitungen kümmern, da ich morgen heirate.

      1. Oh mein Gott!
        Dann aber die allerbesten Glückwünsche!
        Gibt es da mal Fotos zu sehen?
        Viel Spaß beim Feiern, hoffentlich entführt Dir jemand die Braut.
        In China ist sowas der reine Stress: die Braut muss sich während des Festessens (kein Tanzen, keine richtige Party) so oft wie möglich umziehen (damit Reichtum zeigen), an jedem Tisch den Leuten für die roten Umschläge (Geldgeschenke) danken und zu prosten, und nach dem Essen ist alles vorbei, die Brauteltern zählen das Geld, hoffentlich mehr als man fürs Essen bezahlt hat, das Brautpaar fliegt auf die Malidiven, nach Haiwaii und lässt sich in Weiß und voll geschminkt für ganz teueres Geld fotographieren, so dass man niemanden erkennen kann. Ein ganz große LOL!
        Und Euch richtig schön viel Spaß!

        1. Danke! Ich verschiebe gerade alle Fotos vom Handy auf den PC, damit viele Fotos drauf passen. Es wird zwar auch professionell fotografiert werden, aber die Handyfotos habe ich vermutlich am einfachsten und schnellsten zur Verfügung. Gefeiert wird nur im engsten Kreis (20 Leute) und mein Sohn ist Trauzeuge der Braut und ihre Tochter ist meine Trauzeugin. Die beiden müssen darauf achten, dass die Braut nicht mit dem Brautstrauß entführt wird, denn sonst müssen sie ins Geldbörserl greifen. Das geht bei uns aber nur, wenn sie auch den Brautstrauß haben, sonst müssen die Entführer die Zeche selbst bezahlen. Wenn sie aber Braut und Brautstrauß haben, muss sie der Trauzeuge der Braut auslösen. LOL

  2. Also wenn du eine harte Antwort willst, folgendes:

    Was du nicht verstehen kannst ist dein Problem.
    Aber gut, du suchst ja hiermit Hilfe und das ist gut.
    Auch deine Geschehniss-Beschreibung finde ich wichtig und gut !

    Ich glaube es braucht keine Unterernährung um frustriert und am Limit seiner Möglichkeiten zu sein.
    Wenn eine ganze Bevölkerung unterernährt UND frustriert ist, kann das passieren, was in den dreissigern passiert ist: Das Demagogen ein ganzes Volk radikalisieren.
    Wie das geht kann man ansatzweise in der aktuellen Politik mitverfolgen:
    Wenn Schuldenböcke gesucht und gefunden werden.

    Zurück zu dem dicklichen Ungustl:
    Ich kenne einige Menschen, für die Ausländerfeindlichkeit und die Benutzung des Wortes „Neger“ normal ist – leider.

    Und dann ist es nicht weit dahin, die von dir beschriebene Aktion zu liefern.
    Was die Passivität der Masse anbelangt, so gibt es dafür viele Beschreibungen, von denen ich nur weiss, das es sie gibt: („Masse und Macht“ – Canetti vielleicht ?)
    Ebenso gibt es viele gute Infos über Zivilcourage, die ich leider auch nicht eingehender kenne. Wenn man diese kennen würde, würde man sich wahrscheinlich leichter tun zu machen was in der Situation richtig erscheint, ohne übermässige Gefährdung.

    Es läuft aber vielleicht trotzdem darauf hinaus aufzustehen und dem Typen die Meinung zu sagen, oder sich offen mit dem Opfer zu solidarisieren.
    Und das ist verbunden mit Angst die man überwinden kann.
    Die Angst nämlich das man der einzige ist, der das so sieht, der einzige der sich solidarisiert, der einzige der dem Typen die Meinung sagt, und der einzige, der vielleicht eine abfängt (Watschn kriegt).

    Zu letzterer Angst kann die Praxis der Kampfkunst ein Hilfsmittel sein.

    Letztendlich ist ein Sieg über die Angst in dieser Situation ein Sieg über sich selber.

    Das nächste Mal wenn diese Situation für dich eintritt hast du wieder die Gelegenheit über dich selber zu siegen und ein anderer Mensch zu werden.

    1. Ich danke dir und phantadu für eure Kommentare, die mir wenigstens das Gefühl nehmen, dass ich alleine mit diesem Problem da stehe, auch wenn es natürlich nur mein Problem sein kann, wenn ich etwas nicht verstehe.

      Das Wort „Neger“ hat mich kaum aufgeregt, denn bei mir hat das keine negative Besetzung und „Negerpuppe“ oder „Negerlein“ sind meinem Sprachverständnis nach höchstens Kosewörter, aber keine Schimpfwörter. Aber er sagte ja „Scheiß Neger“ und zwar in einem total verächtlichen, aggressiven Tonfall, so laut, dass es die Kinder auf jeden Fall hören mussten.

      Was die Passivität der Masse anbelangt, verstehe ich diese sehr wohl, da ich selbst auch nichts machen konnte. In der emotional, geladenen Situation wäre jede Einmischung meinerseits sinnlos gewesen, zumal der Rassist ja auch weiter ging. Wäre er stehen geblieben und hätte die Frau und ihre Kindern weiter belästigt (beschimpft, gedemütigt, … nein, ich finde momentan kein zutreffendes Wort), hätte ich mich bestimmt dazwischen gestellt und ein Gespräch mit den Kindern oder ihrer Mutter gesucht. Den Kerl nicht beachtet und ihm den Rücken zugewandt. Wäre er handgreiflich geworden, hätte ich vermutlich kein Problem gehabt mich zu verteidigen und die Polizei zu rufen, aber zu Handgreiflichkeiten mir gegenüber, schätzte ich ihn ohnehin viel zu feige ein.

      birne möchte ich noch sagen, dass ich mich absolut nicht für die aktuelle Politik interessieren kann und frustriert „weiß“ wähle, weil ich in diesem Sumpf und Morast keine Partei finden kann, die ich grundsätzlich befürworten und wählen könnte. Bei Befragungen und bezüglich bestimmter Angelegenheiten bin ich aber sehr wohl bereit, mich zu bekennen und Stellung zu nehmen. Das letzte was mich an der aktuellen Politik ein wenig interessiert hat war, dass ich über 5 Ecken und Gerüchte irgendwie mitbekommen habe, dass Tierschützer angeblich wie Terroristen behandelt worden sein sollen. Genaueres weiß ich nicht und auch nicht über die politischen Maßnahmen bezüglich „Ausländerfeindlichkeit“. Es würde mich aber nicht besonders verwundern, wenn ich demnächst ernst gemeint zu hören bekäme, was mir gerade spontan dazu einfällt:
      Scheiß Ausländer!
      Raus aus meinem Wohnhaus!
      Raus aus meiner Straßn!
      Raus aus meinem Grätzl!
      Raus aus meinem Bezirk!
      Raus aus Wien!
      Raus aus Österreich!
      Raus aus dem Ausland!
      Schleichts eich olle ham!
      Besonders verwundern würde es mich weiters nicht, wenn so etwas Irres von einem Ausländer käme, der gerade um die österreichische Staatsbürgerschaft ansucht und sich mit allen Mitteln damit bei den Eingeborenen anbiedern möchte.
      Helmut Qualtinger hat das irgendwie einmal kürzer gebracht und da konnte ich sogar noch lachen dazu: „Raus aus Österreich! – Raus aus dem Ausland! – und überhaupt…“ – inzwischen ist mir das Lachen aber vergangen.

      Ich glaube aber, dass es jeden halbwegs vernünftigen Menschen klar ist, dass es nicht auf das Land ankommt und schon gar nicht welches In- oder Aus-land. Es kommt auf die Menschen an und die können sich ändern. Ein Rassist heute, kann durch ein einschneidendes Erlebnis oder eine Erkenntnis morgen ein Kämpfer gegen Rassismus sein und umgekehrt. Es ist viel komplexer, als der erste Anschein vermuten lässt und nur langfristige, dauerhafte Entwicklungen spielen wirklich eine wesentliche Rolle, denke ich. Man muss erst viel kennen lernen, um sich für etwas entscheiden zu können und dazu braucht man viel Zeit. Dann braucht man aber noch viel mehr Zeit, um erkennen zu können, dass man offen gegenüber anderen bleiben muss und flexibel bleiben muss, will man sich weiter entwickeln. So müssen sich Stabilität und Felexibilität abwechseln, damit man die Stadien einer Emanzipation durchlaufen kann.
      Den Mann von heute verurteilte ich wegen seiner rassistischen Handlung, aber diesen Mann von morgen gegenüber hatte ich heute vielleicht ein ungerechtfertigtes Vorurteil.

  3. Da gibt es nichts zu verstehen. Denn würdest du es verstehen, wärst du genauso primitiv. Er, der fette Weiße hat keinen Sitzplatz, während ein Kind einer offensichtlich anderen Hautfarbe das hat, was er begehrt. Wie kann das sein, dass nicht ganz Wien aufbegehrt und ihm, dem guten Österreicher, der gegen das böse Fremde, in dem Fall ein Kind, aufbegehrt, den Sitzplatz einräumt?
    Der offenbar schwer vernachlässigte junge Mann hat nur Freunde in der rechtsradikalen Szene. Kein anderer sieht in ihm, was ihm fehlt…

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