Gegensätze in mir auflösen

(Last Updated On: 23. August 2011)

Vor einiger Zeit war ich ein ausgesprochener News-Junkie, der sich auf allen möglichen Platformen und sozialen Netzwerken wichtig gemacht hat. Ich musst zu allem eine Meinung haben und über alles Bescheid wissen. Nach einer stundenlangen Sitzung dieser Art am PC, wobei nebenbei vielleicht noch das TV oder Radio lief und ich viele Tassen Kaffee und ein Packerl Zigaretten konsumierte, wurden mir die Probleme einfach zu viel. Ich hatte unzählige Probleme, die eigentlich nicht meine Probleme waren, abgesehen davon, dass die Zeit verloren war und es mir physisch und psychisch schlecht ging.
Mit Taijiquan und Qigong lernte ich meine Verspannungen und Energieblockaden zu lösen und dann gab es mir ein weiteres mächtiges Werkzeug zur Hand, den „Für mich unwichtig Stempel“. Vermutlich trug dazu auch die Beschäftigung mit dem Buddhismus und vor allem dem Taoismus etwas dazu bei. Jedenfalls wies mein Yi (Geist) das retikuläre Aktivierungssystem, oder welche Gehirnstrukturen eben für die Bewertung der Information verantwortlich sind, an, überall den „unwichtig Stempel“ anzubringen, wenn die Information nicht lebenswichtig war und an mich herangetragen, statt von mir gesucht wurde.
Man kann sich heutzutage dem permanenten Informationsbombardement und Medienspektakel kaum entziehen und sich dagegen zu wehren, wäre nur kraftraubend. Aber in Taijiquan-Manier „einfach zulassen“ und nicht weiter beachten war mir hilfreich. Ich las keine Zeitungen mehr, vermied Soziale Netzwerke und schaltete TV und Radio nicht mehr ein. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn man mit einem Schlag unzählige fiktive Probleme los wird und plötzlich jede Menge Zeit für sich selbst hat.
Die Information die an mich herangetragen wird, stört mich nun auch nicht mehr. Wenn ich zum Beispiel in der U-Bahn eine kostenlose Zeitung auf dem Sitzplatz vorfinde, auf den ich mich setzen möchte, dann blätter ich sie auf, damit eine neue saubere Doppelseite erscheint und ziehe sie etwas nach vor, damit auch der Rand abgedeckt wird, weil immer mehr asoziale Mitmenschen ihre dreckigen Haxen auf die Sitzflächen legen und schon hat die Zeitung den perfekten Zweck als Sitzunterlage für mich erfüllt. Blicke ich dann zu meinem Gegenüber, kenne ich die neuesten Schlagzeilen natürlich, aber alle haben den Stempel „unwichtig“ darauf und somit kann ich ungestört meinen eigenen Gedanken folgen. In nächster Zeit möchte ich mich ein wenig mit Kräuterkunde und vegetarischer Küche beschäftigen und da gibt es genügend Gedanken, denen ich nach gehen kann.
Nachdem mein „unwichtig Stempel“ so gut funktioniert, kann ich heute in jeder Stellung, zu jeder Zeit und an jedem Ort meditieren, wenn es mich danach lüstet.
Unlängst saß ich spät Abends am Balkon und meditierte mit zu den Sternen gerichteten Augen. Ein vorbei rasendes, lautes Motorrad – „unwichtig“, ständig ein Flugzeug am Himmel – „unwichtig“ – ich ging in mich, beobachtete meinen Atem und versank in meinem Körper, der dabei das Universum wurde. Ich war das wertvollste und wichtigste überhaupt und ich fühlte, dass es ohne mich nichts gibt und geben kann für mich. Ich öffnete mich zu den Sternen und erfasste das Weltall immer mehr. Ich fühlte die unendliche Weite, Größe und Energie und fühlte mich unbedeutender und unwichtiger als ein Sandkorn. Ich war nichts im Vergleich zum Weltall, aber ich hatte noch einen Rest des Gefühls, eine Ahnung in mir, von dem Gefühl vorhin, als ich alles und das Wichtigste überhaupt war, als es für mich das Universum nur geben konnte, wenn es mich gab. Jetzt konnte es mich nur geben, weil es das Universum gab und ich war ein unendlich unbedeutendes Teilchen davon. Ich fokussierte zurück zu meinem Zentrum und wiederholte dieses Wechselspiel einige male, bis ich mich auf den Bereich zwischen meinen Augen konzentrierte und beides gleichermaßen erfühlte. Ich fühlte mich gleichermaßen absolut wichtig und absolut unwichtig, bis ich allmählich bemerkte, dass ich da saß und nur Gefühle oder so etwas ähnliches hatte und Teil des Universums war. Ich sah mich da sitzen und war selbst als Beobachter nicht vorhanden, dann konzentrierte ich mich wieder auf mein Zentrum, aber beide „Gefühle“ blieben verschmolzen vorhanden. Ich hatte das Weltall in mich aufgenommen und wurde dadurch unbeschreiblich klein und unwichtig, aber ich fühlte mich sehr harmonisch, ausgeglichen und wohl dabei.

Ich hatte über Stunden hinweg keine Gedanken (früher konnte ich nicht einmal ein paar Sekunden nichts denken) und nur unbeschreibliche Zustände und Wahrnehmungen. Das Stunden vergangen waren bemerkte ich erst im Nachhinein. Vielleicht war ich auch eingeschlafen und hatte einfach nur einen Traum, aber was macht das schon für einen Unterschied? Traum, irgend eine Wirklichkeit oder irgend eine Fantasie, es spielt für mich keine Rolle.


Bildquelle: Wikimedia Commons; By ESO/J. Emerson/VISTA. Acknowledgment: Cambridge Astronomical Survey Unit (ESO) [CC-BY-3.0 (www.creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

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